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Es war die Stunde, die von Wehmut schwellen Zur See die Herzen macht und sehnlich schlagen, Des Lebewohls gedenk der Trautgesellen; Da Heimweh läßt den neuen Pilger zagen, Hört er der Abendglocke fern Geläut Ums Licht des Tages, der verscheidet, klagen. Da sah ich, den zu hören lang erfreut, Der Seelen eine an, die stand am Ende, Wie mit der Hand zu lauschen man gebeut. Sie faltete, sie hob die beiden Hände, Den Blick gen Ost, als ob den Herrn sie preise: Nichts andres ist, in dem ich Frieden fände! »Te lucis ante . . .«, kams andächtig leise Von ihren Lippen mit so süßem Klingen, Daß mich mir selber ganz entrückt die Weise. Und fromm und lieblich fielen dann mit Singen, Das Lied beschließend, all die andern ein, Dieweil am Himmelsrund die Augen hingen. Nun, Leser, schärfe wohl das Auge dein! So zart ist hier der Schleier, daß zum Wahren Hindurchzudringen muß ein leichtes sein. Als in Erwartung sah ich nun die Scharen Der edlen Kämpen dort gen Himmel schaun, Bleich, schweigend, voller Demut im Gebaren. Und sieh: hernieder fuhr aus Himmelsaun Ein Engelpaar, das Flammenschwert zu Handen, Das vorn gestumpft, die Spitzen abgehaun. Grün waren sie wie Lenzlaub von Gewanden, Die, wo ihr grüngefiedert Flügelpaar Im Rücken sproßte, falternd sie umwanden. Der eine blieb zu Häupten unsrer Schar, Der andre jenseit auf dem Randfirst stehen, Daß alles Volk in ihrer Mitte war. Wohl konnt ihr Haupt ich noch, das blonde, sehen, Vom Antlitz aber glitt der Blick mir ab, Wie wem von Übermacht Gewalt geschehen. 189 »Sie kommen aus Mariens Schoß herab, Ein Hort dem Tal«, begann Sordell. »Die Schlange, Die bald hier nahet, wehren sie uns ab.« Unwissend, wo des Weges, späht' ich bange Ringsum und barg, erstarrt zu Eise fast, Im Schutz der trauten Schultern meine Wange. Sordell drauf: »Zu den hohen Schatten laßt, Sie anzusprechen, jetzt hinab uns gehen; Gar wohl willkommen seid ihr dort zu Gast!« Drei Schritte warens, bis wir drunten stehen, Und, einen sah ich dort, der starr auf mich, Als sucht' er mich zu kennen, nur gesehen. Es war die Stunde, da der Tag erblich, Doch zwischen seinem Auge und dem meinen Der Schleier bald, der erst sie hüllte, wich; Er eilt' in meine Arme, ich in seinen: »O Nino, edler Ritter, wie michs freut, Dich nicht zu sehn, wo die Verdammten weinen!« Kein herzlich Grüßen hat uns da gereut: »Wie lang ists«, frug er, »seit du durch die weiten Gewässer kamst zum Bergesfuß, bis heut?« »Ach, durch das Reich der Qualen mußt' ich schreiten! Kam heute früh; bin noch im ersten Leben, Doch wall ich hier, mir jenes zu bereiten.« Da solches ich zur Antwort ihm gegeben, Wich er zurück, mit ihm Sordell, und stand, Wie wer vor jähem Augentrug muß beben. Der sah Virgil an, jener, rückgewandt Zum Nachbarn, rief: »Auf, Konrad! Komm, das Zeichen Zu sehn, das Gott in Gnaden uns gesandt!« Zu mir dann: »Schuldest du so ohnegleichen Ihm Dank, der seines Willens letzten Grund Uns birgt, wo ihn kein Ahnen kann erreichen, Laß, so du heimkehrst übers weite Rund Des Meers, mein Kind Giovanna für mich flehen, Wo stets erhört der Unschuld reiner Mund. Die Mutter ließ die Treu sich wohl vergehen, Da sie vom Haupt die weißen Binden tat; Bald sehnt sie sich danach in bittren Wehen! 190 Da seht ihr, wie sich, eh ihr euch versaht, In Weibes Sinn der Liebe Glut verzehre, Nährt Druck sie nicht und Äugeln früh und spat. Nicht ziert die Viper, drunter Mailands Heere Zu Felde ziehen, ihren Leichenstein, Wie drauf der Hahn Galluras käm zu Ehre!« So sprach er, und sein Antlitz strahlt' im Schein Gerechten Eifers, der bei seinesgleichen Mit Maße glüht im Herzen echt und rein. – Mein Auge hing verlangend an den Zeichen Des Himmels droben, wo ihr Gang so sacht, Wie nah der Nabe trägt des Rades Speichen. »Was nimmst du«, frug mein Führer, »dort in acht?« Und ich: »Die Fackeln, jene drei dort oben, Von denen hell entbrennt des Poles Nacht.« Drauf er zu mir: »Hinüber sank von droben Das Viergestirn, das früh dir schien so hell; An seine Statt sind diese nun erhoben . . .« Noch sprach er, als ihn an sich zog Sordell Und vorwärts weisend seinen Finger streckte: »Sieh, unser Widersacher«, sagt' er schnell. Da, wo kein Schutzwall jene Talschlucht deckte, Kroch eine Otter, jene sicherlich, Die Eva bot, was, ach, so bitter schmeckte! Durch Gras und Blumen sie, die arge, schlich, Leckt' ab und an, den Kopf zurückgebogen, So wie ein Tier sich putzt den Rücken sich. Weiß nicht zu sagen, wie sie aufgeflogen, Die Himmelsfalken, weil ichs nicht gesehen, Nur wie sie hergestürmt auf Windeswogen; Und kaum vernahm des grünen Fittichs Wehen Der Wurm, als er entwich; das Engelpaar Wandt' um im Fluge, Wache noch zu stehen. Der von dem Richter aufgerufen war, Der Schatte, hatt' in all des Kampfes Toben Im Auge mich behalten immerdar. »Soll jener Leuchte, die dich weist nach oben«, Begann er, »guter Wille allzeit wahren, Was not an Öle bis zum Schmelz da droben, 191 Sag an, ob Neues du, das wahr, erfahren Vom Magratale und vom Nachbarland, Wo ich ein großer Herre war vor Jahren. War Konrad Malaspina dort genannt (Der Alte nicht, doch seines Bluts), den Meinen In Liebe treu, die reiner hier entbrannt.« »O«, sagt' ich, »Eurer Gaue sah ich keinen, Allein wer kennt sie nicht? So unbelehrt In ganz Europen fänd' ich wohl nicht einen! Der Ruf, der Eures Hauses Namen ehrt, Rühmt Euch, die Herren, rühmet Land und Leute; So weiß Bescheid, wer nie dort eingekehrt. Des Ruhms, den Schwert und Goldschatz stets erneute – Ich schwörs, so wahr zur Höh mich führt die Gnade! –, Nicht mangelt sein Eur edles Haus bis heute. Erlesner Art und Zucht, gehts einzig grade Auf rechter Bahn, und wie die Welt mißleite Ihr schuldig Haupt, es meidet üble Pfade.« »Geh«, sagt' er, »eh ins Lager, dessen Breite, Mit allen den vier Füßen gleich beschritten Der Widder, siebenmal die Sonne gleite, Wird solcher guten Meinung Gunst dir mitten Ins Haupt gehämmert, und mit Nägeln drauf, Die fester noch als Menschenworte kitten, Hemmt nicht die Versehung den Weltenlauf!« |